Wenn das Ziel den Weg behindert

Aktualisiert: 27. Sept 2018


Jeder weiss: Wenn du dir kein Ziel setzt, dann wird das nichts. Wir brauchen Ziele, um etwas zu erreichen. Trotzdem gibt es Ziele, die uns eher davon abhalten, genau das zu tun was wir möchten. Klingt kompliziert? Lass mich das erklären:

Du kennst bestimmt auch das Dilemma: Nehmen wir mal irgendeines deiner Ziele. Es steht schon länger auf deiner mentalen ToDo Liste, jedes Jahr fasst du wieder einen Vorsatz diesbezüglich, aber erreicht hast du das Ziel noch nicht.

Das heisst, du würdest gerne und weißt, du solltest, aber irgendwie kommst du nicht in die Gänge. Es scheint dir zu unerreichbar in diesem Moment. Es liegt nicht daran, dass du nicht weißt, wie du es angehen solltest. Das wäre ein anderes Thema. Heute geht es um ganz einfache Sachen wie Unkraut jäten, aufräumen, abnehmen oder Sport machen. Aber auch ein Buch schreiben, wenn du gern schreibst oder dich zu einem bestimmten Thema fortbilden, das dich interessiert.


Vor kurzem war ich bei meiner Freundin Maya zu Besuch. Sie war in das neue Haus eingezogen und ihr frisch angelegter Garten war voller Unkraut! Sie sagte, es sei ihr zu viel, sie fange gleich gar nicht an mit Jäten, weil das ja kein Ende nimmt. Also das Unkraut jäten findet sie eigentlich gar nicht schwierig, und es würde ihr vielleicht sogar Spass machen. Aber das Ziel ist für sie zu weit weg, deshalb fangt sie gleich gar nicht an.

Meine Freundin Barbara redet seit Ewigkeiten davon, wieder mit Sport anzufangen. Sie fühlt sich danach immer so gut, so frisch und lebendig, sag sie. Aber auf die Frage, wieso sie es denn nicht einfach macht, erzählt sie etwas von Trainingsplänen und mehrere Stunden pro Woche und woher die Zeit nehmen und drum lässt sie es gleich bleiben.

Barbara verwechselt da was. Sie verwechselt ihre Ziele. Schauen wir noch einmal, was sie sagt: „Nach dem Sport fühle ich mich immer so gut, so frisch und lebendig.“ Wonach sie sich sehnt, ist dieses Gefühl. Hat sie das nur, wenn sie jede Woche drei Mal Joggen geht und zwei Mal ins Krafttraining und am Wochenende noch ins Karate? Nein, sie fühlt sich nach jedem einzelnen Mal so. Also auch nach einem 20minütigen Youtube-Video zum Mitmachen. Schnell nach der Arbeit daheim ohne grosses Tamtam, die 20 Minuten bis die Lasagne aufgewärmt ist. Ich weiss, was du denkst: Wenn sie danach eine Lasagne isst, dann war alles für die Katz. ERTAPPT! Es war eben nicht für die Katz, weil sie fühlt sich frisch und lebendig. Probier es mal aus! Nicht: „Weil es heute Lasagne gibt, muss ich erst gar kein Pilates machen“. Das ist der gleiche Mechanismus wie „weil ich nicht drei Mal die Woche Zeit habe zum Joggen und zwei mal zum Krafttraining, etc. ... mache ich auch heute Abend keine fünf Minuten Rückenübungen. Erkennst du den Widerspruch dahinter? Es scheint so sonnenklar, aber doch haben wir alle diese Spuren in unserem Denken. Wenn schon richtig oder eben gar nicht. Das kann fatal sein. Weil meistens machen wir dann gar nichts und so entfernen wir uns immer weiter von unserem Ziel und berauben uns zusätzlich der schönen Momente. Ich mache zum Beispiel Yoga oder Body weight training immer wenn ich Lust habe und nicht nach einem fixen Plan. Ich mache es für den Moment, ich geniesse das Körpergefühl und die Entspannung danach. Und ich denke nicht an irgendein Langzeitziel, an Muskelpakete oder einen Marathon, den ich laufen möchte. Ich sehe es eher als kleines Geschenk an mich selber. Wie ein Sonnenstrahl, der meinen Alltag erhellt. Ein schöner Edelstein, den ich am Rand meines Lebenswegs finde und mitnehme.

Wenn ich durch meinen Garten gehe, dann zupfe ich immer irgendwelche Pflänzchen aus, die mir dort nicht passen. Ich denke mir: Jeder Löwenzahn, den ich aussteche, ist einer weniger. Und anstatt mir das Ziel zu stecken, dass mein Garten unkrautfrei sein muss (was übrigens nicht mal bei Plastik-Rasen der Fall ist), akzeptiere ich den Prozess und geniesse den Akt selber. Ich gehe gern durch den Garten, spiele Frisör mit meinen Pflänzchen, spiele Ärztin, geniesse den Duft und schaue, dass sich die Pflanzen die Balance halten.

Wie ist das mit Abnehmen? Ich habe da so meine eigene Thorie, die ist ein bisschen provokativ und konträr zu dem was man immer so liest. Ich halte nichts von der kompletten Ernährungsumstellung, die angeblich so notwendig sein soll. Wer hat das jemals geschafft? Das hat nach meiner Beobachtung nur den Effekt, dass die Leute frustriert aufgeben und zusätzlich an sich selber zweifeln, was das Schlimmste ist. Das ist wieder genau die Denke: Wenn ich es ja nicht schaffe, radikal anders zu leben als jetzt, dann lass ich es gleich bleiben. Dabei kannst du dich in jeder Minute entscheiden, einen Apfel oder einen Schokoriegel oder gar nichts zu essen und in der nächsten Minute wieder und in der nächsten Minute wieder. Kein Blick zurück, vor allem keine Selbstvorwürfe, das schadet dir am meisten. Frag dich: Was ist die wahre Belohnung für mich, was ist wirklich ein kostbarer Edelstein, den ich auf deinem Lebensweg einsammeln kann: Sind es die Vitamine im Apfel oder der Geschmack der Schokolade oder vielleicht die Pause, die ich meinem Körper gönne?

Wenn du gern ein Buch schreiben möchtest, dann schreib einfach! Auch wenn du noch nicht den kompletten Handlungsstrang im Kopf hast. Viellecht ergeben die einzelnen Fragmente später einen Sammelband. Vielleicht merkst du, dass du lieber Kurzgeschichten oder Essays schreibst. Egal – geniesse das Gefühl, in dem Moment zu schreiben, wie die Gedanken auf das Papier fliessen und geniesse dich selber in dem Moment als Schriftstellerin. Egal was oder ob später mal daraus was wird.

Wenn du dich zu einem bestimmten Thema fortbilden möchtest, dann warte nicht, bis der perfekte Lehrgang in deiner Stadt angeboten wird. Google einfach mal die relevanten Themen, lies einen Abend lang Fachartikel im Internet. Entweder findest du heraus, dass dich das Thema gar nicht so interessiert – das ist eine sehr wertvolle Erkenntnis! Oder du bist Feuer und Flamme und recherchierst immer mehr in diese Richtung. Experte wird man sowieso nur auf diese Weise.

Immer wenn deine innere Stimme dir sagt „das bringt doch nichts“, dann sollten bei dir die Alarmglocken läuten. Alles bringt etwas. In jedem Moment deines Lebens hast du die Wahl, ob du Edelsteine einsammelst, oder ob du an ihnen vorbeigehst.


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