Emotionale Nähe - jetzt erst recht!

Was wir in Zeiten von Social Distancing wirklich brauchen und wie wir es bekommen.

Abgesagte Familienfeiern, Reiseverbot, Social distancing, Homeoffice, Abstand und Masken. Was uns fehlt: Networking, informelle Gespräche, zufällige Begegnungen, neue Leute kennenlernen, uns „beschnuppern“.

Der Mensch ist ein Herdentier, ein hochgradig soziales Wesen. Aus dem Kontakt zu Anderen schöpfen wir Selbstbewusstsein, Inspiration und Orientierung. Wenn wir nun unter dem Fehlen der sozialen Nähe leiden, dann ist das nicht nur okay, es muss sogar so sein.

Die Frage ist, was machen wir aus der aktuellen Situation? Es gibt diese zwei Strategien:

1. Warten bis es wieder wird wie vorher.

2. Neue Wege finden. Denn so wie vorher wird es vielleicht nie mehr werden.

Um neue Wege zu finden, ist es wichtig sich bewusst zu machen, was uns eigentlich fehlt:

Es geht uns nicht nur um die physische Nähe zu Anderen. Wonach wir uns sehnen ist emotionale Nähe.

Wir wollen uns verbunden fühlen. Einsamkeit ist auch möglich, wenn ich in einem riesigen Raum voller Menschen bin. In der Tat kann ich die grösste Einsamkeit empfinden, wenn ich inmitten einer Gruppe von Familienmitgliedern sitze oder nachts neben jemandem im Bett wachliege. Ob ich mich alleine fühle oder verbunden, hängt also nicht davon ab, ob ich Menschen um mich habe, sondern was ich fühle.

Nach 17 Jahren quasi Fernbeziehung würde ich mich als Profi auf diesem Gebiet bezeichnen. Als ich meinen heutigen Mann kennenlernte, lebte ich noch in Österreich, später in Paris und Barcelona, er in der Schweiz. 13 Stunden Bahnfahrt für ein Treffen! Whatsapp gab es noch nicht, telefonieren war extrem teuer. Wir mussten kreativ sein, um das junge Pflänzchen unserer Beziehung gedeihen zu lassen. Er war von Anfang an berufsbedingt immer unterwegs. Sogar als wir später zusammenzogen, sah ich ihn oft nur kurz zwischendurch (und dann war aufgrund von Jetlag wenig mit ihm anzufangen).


Dieser Frühling war aufgrund des Reiseverbots eine komplett neue Situation für uns.

Zum ersten Mal seit 17 Jahren sassen wir jeden Abend gemeinsam zuhause.

Nach ein paar Wochen fiel uns auf: Wir redeten viel weniger miteinander. Nicht quantitativ, sondern qualitativ. Wenn er im Ausland war, schickten wir uns jeden Tag Textnachrichten zwischendurch und verabredeten uns abends für einen Call. Diese Zeiten waren uns heilig, wir genossen den Austausch. Ungeteilte Aufmerksamkeit und echtes gegenseitiges Interesse, das war die „secret sauce“ unserer Beziehung. Und nun, da wir uns jeden Tag sehen, ist das nicht mehr nötig. Kürzlich haben wir deshalb bemerkt: Mehr physische Nähe aber weniger emotionale. Crazy, oder?

Viele von uns, die ihre Familie im Ausland haben, können mir hier sicherlich beipflichten. Die emotionale Verbundenheit ist nicht automatisch grösser zu den Leuten, die wir öfter sehen oder die uns physisch näher sind.

In meiner täglichen Arbeit als Coach treffe ich Dutzende Leute jede Woche über Videokonferenz. Als ich mich (lange vor Corona) mit dem Business Modell des Online Coachings selbständig machte, drückte mein damaliger Chef seine Bedenken aus: So etwas Persönliches wie Emotionen über den Bildschirm, das geht doch nicht. Meine Rückfrage: Wann hast du das letzte Mal geweint?

Wann warst du das letzte Mal zutiefst emotional berührt? Ich wette, es war vor einem Bildschirm (oder einer Leinwand).

Was uns einschränkt, sind nicht die Massnahmen. Es sind nie die Umstände, es sind immer unsere Gedanken. Wenn wir denken, dass emotionale Nähe möglich ist und sogar noch besser als zuvor, dann werden wir auch Wege finden, dieses Gefühl herzustellen.

Emotionale Nähe ist möglich, wenn wir uns für neue Wege öffnen. Stell dir deshalb jeden Tag die Frage: Was kann ich HEUTE tun, um emotionale Nähe herzustellen?

Ein Tipp: Geben statt nehmen. Echtes Interesse am Gegenüber und ungeteilte Aufmerksamkeit sind die Zutaten, die emotionale Verbundenheit herstellen, mit oder ohne Bildschirm.


In meinem Podcast LEVEL ME UP! gibt es jede Woche eine spannende Folge mit Inputs für die berufliche und persönliche Weiterentwicklung. Hier geht's zum Podcast (anklicken).

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